Gedanken eines Unpolitischen

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein politisch sehr interessierter Mensch bin. Das hat nicht nur familiäre Gründe sondern Geschichte und Politik sind Themengebiete, die mich seit meiner Jugend faszinieren. Nach dem Studium war ich einige Jahre für einen Wirtschaftsverband tätig, sprich: ich war ein „böser“ Lobbyist (wenn auch ganz unten in der Hierarchie) – und hatte somit erneut Kontakt zu Abgeordneten und Politikern.

Seit einigen Jahren bin nicht mehr Mitglied einer Partei, da ich mich inhaltlich nicht mehr mit der Realpolitik dieser Partei identifizieren konnte. Der Unterschied zwischen politischen Anspruch auf der einen Seite und der politischen Realität auf der anderen Seite war einfach zu groß, oder anders formuliert: wir haben uns politisch auseinandergelebt. Aber auch ohne Parteimitgliedschaft verfolge ich weiterhin die politische Entwicklung in Deutschland und Europa und nutze diverse Möglichkeiten um mit anderen Menschen über diese zu diskutieren.

In den letzten Wochen und Monaten ist mir, insbesondere bei der Diskussion mit überzeugten Parteimitgliedern, aufgefallen, dass kritische Fragen oder gar inhaltliche Kritik nur solange erwünscht sind, wie diese auf den politischen Gegner zielen. Wird jedoch die Partei kritisiert, für die sich der Mitdiskutant engagiert, findet die zuvor fröhlich geführte Diskussion ein abruptes Ende. Dabei wird man, gerade von Politikern und engagierten Parteimitgliedern, regelmäßig zur politischen Diskussion eingeladen. Anscheinend setzt man, insbesondere in den sozialen Netzwerken, auf eine Multiplikation der eigenen politischen Position. Kritik scheint – insbesondere in Wahlkampfzeiten – unerwünscht zu sein.

Eine fast schon klassische Reaktion auf geäußerte Kritik ist:

Wenn einem die Politik der Partei nicht gefällt, werde Mitglied und ändere es!

Ich hab auch eine andere Option: ich werde diese Partei bei der nächsten Wahl einfach nicht wählen. Ich war lange genug Mitglied einer Partei und weiß genau wie viel ein einzelnes Mitglied ändern kann. Selbst wenn man Gleichgesinnte findet und diese sich organisieren, ist die Durchsetzung eigener Ideen innerhalb einer Partei alles andere als einfach. Ein weiteres Highlight war folgende Aussage:

Wenn man nur kommentiert, bleibt man unpolitisch!

Ist man demnach unpolitisch, wenn man sein Recht auf Meinungsäußerung wahrnimmt? Welche Option hat man, um politisch zu sein: etwa Parteimitglied werden, am jährlichen Grünkohlessen teilnehmen, im Wahlkampf Plakate kleben und Kugelschreiber verteilen? Getoppt werden diese Beiträge jedoch von folgenden Kommentar, den ich bei einem guten Bekannten vor kurzem las:

Wenn Du bei der Bundestagswahl nicht die SPD wählst, hast Du Dich automatisch für vier Jahre Merkel entschieden.

In den letzten Jahren wird die zunehmende Politikverdrossenheit der Bürger kritisiert, dabei fällt auf, dass zwar mehr Kommunikation zwischen Bürgern und Parteien gefordert und versprochen wird aber man sehr empfindlich auf Kritik, gegenteilige Argumente und Meinungen reagiert. Kritik an der Partei wird schnell als „Partei-Bashing“ betrachtet und die Personen, die ihre Kritik äußern, sind Trolle.

Eine lebendige politische Debatte setzt jedoch voraus, dass unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen. Zu einer politischen Diskussion gehört es, dass unterschiedliche Ansichten ausdiskutiert werden. Noch leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft und nicht in einer politischen Hegemonie, in der nur eine politische Meinung vorherrscht. Auch in Zukunft werde ich daher meine Meinung und Kritik äußern. Better get used to it, wie es so treffend im Englischen heißt!

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2 Gedanken zu “Gedanken eines Unpolitischen

  1. Lieber Alex, ich habe Dir noch nie vorgeworfen, dass Du unpolitisch bist. Dass Du es Dir ab und an ein büschen einfach machst schon. Hast Du auch schon eingestanden, an einer oder zwei Stellen. 😉

    Hier ist das wieder so. Du konfrontierst Leute mit politischer Meinung (Das zumindest will ich DIr zugestehen 😉 ), wenn diese ihre Meinung erwiedern passt es Dir gelegentlich nicht, weil es dann ja nicht mit dem übereinstimmt, was die jeweilige Partei beschlossen hat.

    Wenn ich sage, dass ich die Entscheidungsschwäche der BK nervig finde, kommst Du mit der Aussage um die Ecke, dass die SPD aber vor 375 Jahren auch schon mal nicht so entscheidunsstark war. Du setzt die Aussagen von Menschen die Mitglieder einer Partei sind immer in den Kontext, der Handlungen der Partei. Und zwar nicht im Hier und Jetzt, sondern u.U. von vor 375 Jahren. DU setzt also bei Parteigebundenen Diskutanten einen anderen Maßsstab an, als bei Dir selbst, was gelegentlich zu entnervten Äußerungen dieser Menschen führt.

    Du erweckst in Diskussionen schon gelegentlich den Eindruck, dass Du der Meinung bist, dass Politik und politische Prozesse statisch sind. Unbeweglich. Du erkennst nicht an, wenn in bestimmten Fragen Bewegung zu erkennen ist, sondern verweist, ganz extrem in der PRISM-Angelegenheit, auf Handlungen von Politikern von vor 9 Jahren. Dass aber in diesen neun Jahren andere Verantwortung hatten, beziehst Du nicht mit ein. Das ist sehr einfach.

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