Verspielte Chancen – die Politik und das Internet

Seit Obamas Wahlkampf sind soziale Netzwerke wie Facebook und MySpace oder der Microbloggingdienst Twitter bei Politikern aller Parteien der letzte Schrei. Dabei ist der Wahlkampf im Internet nicht neu, bereits 2005 nutzten die Parteien das Internet für den Wahlkampf. Damals war es der Wahlkampf zwischen George W. Bush und Sen. John Kerry, der den Parteien neue Wege gewiesen hat. Webseiten der Parteien und Kandidaten genügten nicht mehr, Politiker fingen an zu bloggen und die Parteien setzten auf Kampagnenportalen wie rote-wahlmannschaft.de, www.wahlfakten.de, websozis.de, www.roteblogs.de oder Mach Mit. Genauso wurde das „Negative Campaigning“ populär und beide Volksparteien starteten mit die-falsche-wahl.de und leere-versprechen.de die politische Schlamm- und Propagandaschlacht.

Nach der Wahl wurde es ruhiger, die meisten Webangebote verschwanden in Nirwana des WorldWideWeb, einige der alten Adressen leiten zumindest auf aktuelle Inhalte weiter. Geblieben sind uns die Blogs und Webseiten der Politiker und der regelmäßige Video-Podcast unserer Bundeskanzlerin. Das Potential welches die Parteien nach der Wahl hätten nutzen können – verschwendet. Viele der Webaktivisten wandten sich neuen Projekten zu und die computeraffine Parteibasis tummelte sich fernab in den internen Foren wie meinespd.net oder cdunet.de.

Dabei wurde das Internet schon zuvor aktiv zur politischen Gestaltung und Interaktion genutzt – wenn auch nicht von unseren Parteien. Eines der interessantesten Projekte war der politische Kampf gegen die EU Richtlinie für computerimplementierte Erfindungen. Europaweit haben sich damals Programmierer und Unternehmer mit Hilfe des Internet organisiert und Plattformen wie ffii.org genutzt um die damaligen Entwürfe zu analysieren, diskutieren und Änderungsanträge zu formulieren. Auch ohne twitter und Facebook wurde damals die Politik maßgeblich beeinflusst und somit aktiv mitgestaltet.

Die technischen Voraussetzungen sind nicht alles, ebenso wie Parteien und Politiker ihren Teil zur interaktiven Kommunikation zwischen Politik und Gesellschaft betragen müssen, bedarf es einer interessierten Öffentlichkeit, die diese Angebote auch nutzt. Wenn das Interesse auf beiden Seiten ausbleibt, dann geraten viele Plattformen – wie nach der Bundestagswahl 2005 – in Vergessenheit und 4 Jahre später wird im Sog von Obama der Internetwahlkampf neu entdeckt.

Nach der Bundestagswahl wird man sehen ob die Politikerprofile bei Facebook und MySpace mehr als virtuelle Litfaßsäulen und Infostände sind. Es wird sich zeigen ob Politiker sich wirklich für den Meinungsaustausch und Diskussion per Twitter interessieren oder ob es ihnen nur um das Kreuz am 7. Juni bzw. am 27. September ging. Vielleicht setzt langsam in den Parteivorständen ein Umdenken ein und das Internet wird nicht nur für den Wahlkampf instrumentalisiert sondern in Zukunft genutzt um den Bürgern die Möglichkeit zu bieten die Politik aktiv mitzugestalten.

Advertisements

2 Gedanken zu “Verspielte Chancen – die Politik und das Internet

  1. Interessanter Artikel! Ich kann dir nur zustimmen und ich befürchte dass so manches momentane Engagement „nur“ fürs Kreuz ist.
    Aber ich glaube auch, dass es jetzt schon einige Politiker gibt, die diese Medien als zukunftsweisend sehen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.